Gesundheit
Das Risiko, das man weder sieht noch riecht
Radon ist ein radioaktives Edelgas, das überall aus dem Boden aufsteigt. Im Freien verflüchtigt es sich sofort. In Gebäuden reichert es sich an — und wird dort zum zweitwichtigsten Risikofaktor für Lungenkrebs.
Wie Radon in Gebäude kommt
Radon entsteht beim Zerfall von Uran, das in jedem Boden vorkommt — in den Granit- und Gneisgebieten des Mühl- und Waldviertels oder in den Zentralalpen mehr, im Alpenvorland und im Wiener Becken weniger. Das Gas wandert durch Risse, Fugen und Leitungsdurchführungen in Gebäude. Weil beheizte Häuser wie ein leichter Unterdruckkamin wirken, saugen sie Bodenluft regelrecht an. Dort, wo wenig gelüftet wird, sammelt es sich: zuerst im Keller, dann im Erdgeschoß.
Gefährlich ist dabei weniger das Gas selbst als seine Zerfallsprodukte: winzige radioaktive Partikel, die sich an die Atemluft heften, in der Lunge ablagern und das Gewebe dort bestrahlen. Deshalb ist die Lunge das betroffene Organ — und deshalb potenziert sich das Risiko bei Rauchern.
100 oder 300? Zwei Zahlen, eine politische Entscheidung
Der österreichische Referenzwert liegt bei 300 Bq/m³. Das ist kein Grenzwert, der eingehalten werden muss, sondern ein Prüfmaßstab: Oberhalb davon gelten Maßnahmen als geboten. Wichtiger ist, woher die Zahl kommt: Die EU-Richtlinie 2013/59/Euratom erlaubt den Mitgliedstaaten einen Referenzwert von höchstens 300 Bq/m³ — und Österreich hat genau dieses Maximum gewählt.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 100 Bq/m³. Gesundheitliche Effekte lassen sich ab etwa dieser Größenordnung statistisch nachweisen, und weil das Risiko linear steigt, gibt es keinen Wert, unterhalb dessen Radon „sicher" wäre. Die Begründung für die österreichischen 300 folgt derselben Logik wie in den meisten EU-Staaten: ein Wert, der guten Schutz bietet und im gesamten Bundesgebiet praktisch umsetzbar ist. Das ist eine Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und Machbarkeit — keine rein medizinische Festlegung. Wer für das eigene Haus die 100 als Maßstab nimmt, hat die WHO auf seiner Seite.
Für die Einordnung: 104 österreichische Gemeinden sind als Radonschutzgebiet ausgewiesen — dort liegt der modellierte Vorhersagewert über 300 Bq/m³. Insgesamt 1.831 Gemeinden, die Schutzgebiete eingeschlossen, gelten als Radonvorsorgegebiet — dort ist beim Neubau baulich vorzusorgen. Das Thema endet aber nicht an der Gemeindegrenze: Auch in einer nicht ausgewiesenen Gemeinde kann ein einzelnes Haus erhöhte Werte aufweisen, weil Bausubstanz und Untergrund kleinräumig stark variieren.
Der Keller ist das eigentliche Thema
Die höchsten Konzentrationen finden sich dort, wo Bodenkontakt auf wenig Lüftung trifft. Und genau dort verbringen viele Menschen inzwischen regelmäßig Zeit, ohne die Räume wie Wohnräume zu behandeln: das Arbeitszimmer im Souterrain, die Werkstatt, der Hobbyraum, das Heimstudio, die Trainingsecke — und als Extremfall die Einliegerwohnung im ausgebauten Keller, in der nicht stundenweise gesessen, sondern geschlafen und gewohnt wird. Vorsatz und Praxis klaffen beim Lüften erfahrungsgemäß auseinander — man nimmt es sich vor und macht es dann doch nicht regelmäßig.
Die gute Nachricht: Das Problem ist messbar und lösbar. Eine qualitätsgesicherte Messung kostet rund 30 Euro pro Raum — für Privathaushalte gibt es unter bestimmten Voraussetzungen sogar kostenlose Messgeräte, und in den meisten Fällen genügen bei erhöhten Werten vergleichsweise einfache Maßnahmen — von konsequenter Lüftung bis zur Abdichtung der Eintrittswege.